Interview: Konstanze Keller im Gespräch mit Autorin Andrea van Bebber

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Konstanze Keller, LESEWEIS®.

Cover5-2Die in Bammental lebende Autorin Andrea van Bebber hat mit LIEBER NIE ALS HEUTE ihren zweiten Roman vorgelegt. Am Mittwoch, dem 4.2.2015, wird sie ihn bei einer Lesung in der Gemeindebücherei von Bammental erstmals öffentlich vorstellen. Held ihrer Erzählung ist Aslan, Bewohner eines Jugendheims, dem die starren Normen seiner Umgebung jede Möglichkeit zur Entfaltung seines jungen Lebens nehmen. Sei es der Vater, der die Homosexualität seines Sohnes nicht tolerieren kann, seien es die Strukturen des Heims, die statt Hilfe nur pädagogische Maßnahmen anzubieten haben, oder sei es seine eigene Machtlosigkeit, in der gefühlskalten Umwelt für sich, sein Leben und seine Liebe zu kämpfen.

Konstanze Keller, LESEWEIS®: Frau van Bebber, in klarer, knapper und doch sehr bewegender Sprache erzählen Sie in Ihrem neuen Roman von Menschen, die verzweifelt nach dem Glück zu greifen scheinen, dabei jedoch das Ersehnte einfach nicht erreichen können, nicht erreichen dürfen. Das ist harte und gleichsam mitreißende Lektüre. Was ist das Hauptanliegen Ihres ungemein berührenden Romans? Wollen sie erzählen, Missstände aufdecken, aufwühlen, anklagen?

Andrea van Bebber: Ob ich erzählen will? In jedem Fall! – Ein Roman erzählt ja immer… Insofern haben wir uns wohl gefunden, der Roman und ich.

Missstände aufdecken dagegen kommt mir nicht richtig vor – denn ich habe ja eine Geschichte erfunden und will nicht etwa mögliche Missstände in Kinder- und Jugendheimen „aufdecken“. Es geht um Regeln, Konzepte, Ideen, die durchaus ihre Berechtigung haben, und die in vielen Institutionen angewendet werden – durchaus auch angewendet werden müssen; die auch im täglichen Miteinander oder in der Familie eine Rolle spielen; die aber dann ihren Sinn verlieren und unter Umständen sogar zerstörerisch wirken, wenn sie mechanisch angewendet werden und an den individuellen Bedürfnissen des Menschen vorbei gehen. Der Roman befasst sich mit starren Grenzen, die einer Menschlichkeit keinen Raum lassen – ein Thema, das uns in sehr vielen Bereichen begegnet.

Sie fragen, ob ich aufwühlen will. Nun, ich fürchte, ich habe keine Wahl. Manchmal wünschte ich, ich könnte etwas schreiben, das nicht aufwühlt. Doch in den allermeisten Fällen gelingt mir das nicht. Bisher gibt es nur eine einzige Kurzgeschichte, die rundum witzig ist.

Was den letzten Punkt angeht, den Sie nannten: anklagen – ja, ich muss zugeben, dass der Roman gerne die engstirnige, unmenschliche Verbohrtheit, die beinah zur Katastrophe führt, anklagen möchte. Nur leider: Es gibt kein Gericht, das hier Recht sprechen könnte – weder im Roman noch in vergleichbaren Situationen in der Realität. Insofern möchte ich nur in Frage stellen, aufrütteln, zum Nachdenken auffordern.

K.K.: Obwohl Sie eine Geschichte erfunden haben, einfach erzählen, ganz Romancière, fühlt man sich nach dem Lesen von LIEBER NIE ALS HEUTE absolut aufgefordert! Als Leser empfindet man ähnlich wie nach der Lektüre der Essays von Stéphane Hessel, die einem ja schon im Titel entgegen rufen: Empört euch! Engagiert euch! So etwas schreibt man nicht einfach mal so nebenbei. Sie müssen sich beim Schreiben bereits sehr engagiert haben – deutlich über das Maß einer „Romancière“ hinaus.

A.v.B.: Der Schreibprozess an sich mit allem, was dazu gehört – Diskussionen, Recherchearbeit, hundertfache Überarbeitung des Textes, Herumfeilen an der Sprache usw. – ist auch für mich ein Aufrütteln, ein beständiges Fragen. Dahinter steht der Wunsch, einzutauchen – in Themen, Geschichten und Geschichte, in Menschen und Schicksale; der Wunsch, besser zu verstehen, mich einzufühlen – in Fremdes und Eigenes.

K.K.: Wie lange haben Sie an LIEBER NIE ALS HEUTE gearbeitet?

A.v.B.: Als mein erster Roman veröffentlicht wurde, dachte ich, ich hätte den zweiten schon „in der Tasche“. Nichtsahnend… obwohl ich es hätte wissen müssen. Ich habe wunderbare Kritiker, vorneweg meinen Mann, aber auch Freunde, die sich dankenswerter Weise die Zeit nehmen und sich nicht scheuen, mir zu widersprechen – da bin ich sehr froh drum. Es dauerte dann noch zwei Jahre, in dieser Zeit hat sich der Roman gefühlte 100 Mal verändert, manches musste gestrichen werden, anderes kam hinzu. Letztendlich hat er gewonnen, ich bin zufrieden – nicht 100-prozentig, aber so geht es wohl den meisten Autoren.

K.K.: Wie ist es Ihnen gelungen, der Menschlichkeit in Ihrem Roman doch so viel Platz einzuräumen – bei der gleichzeitigen wahrhaft bedrückenden Präsenz der starren Gesetzlichkeit unserer Gesellschaft? Ihre Figuren, Aslan, seine Freunde, sein Vater … kommen uns in Kürze ungeheuer nah, stehen lebendig vor unserem inneren Auge. Trotz aller Empörung, die sich beim Lesen – gewollt – in uns aufbäumt, verstehen wir diese Menschen, ihr Handeln und ihr Nicht- Handeln. Mögen sie, selbst wenn sie nahezu alles falsch machen. …

A.v.B.: Das freut mich, wenn es Ihnen beim Lesen so ergangen ist – das war mein Plan, er hat mich einige schlaflose Nächte gekostet und etliche „Hirn-Entknotungen“… Ja, verstehen – darum geht es. Keine Schwarz-Weiß-Malerei. Die macht zwar Spaß und darf durchaus sein – auch eine Schriftstellerseele braucht das zuweilen. Aber am Ende will ich verstehen und verständlich machen – das, was offen liegt und das, was sich versteckt hält.

K.K.: Ihr Sohn, Aljoscha van Bebber, hat bemerkenswerte Illustrationen zu Ihrem Buch beigesteuert, die das Erzählte jedoch nicht noch einmal wiedergeben, sondern eher die Stimmung und die Gefühle der Personen eigenständig noch einmal darstellen. Wie kamen Sie auf die Idee für diese spannende Zusammenstellung?

A.v.B.: Zunächst einmal war die Überlegung: Wie soll das Cover aussehen? Meine Verlegerin Frau Golubovic ist eine große Anhängerin von Street-Art, Graffiti-Kunst… Da mein Sohn Aljoscha in diesem Bereich schon seit Jahren aktiv ist, kamen wir auf die Idee, ihn mit der Cover-Gestaltung zu beauftragen; es entstand eine kreative und letztlich sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Dass schließlich auch Illustrationen zum Text hinzukamen, war nur eine logische Folge: Aljoschas Bilder sind eine Bereicherung, passend in jeder Beziehung. Ich freue mich, dass auch die Lesungen von seiner Arbeit profitieren werden, denn es konnten einige kurze, mit Musik untermalte Bildersequenzen produziert werden, die eine ganz besondere, für mich sehr spannende, reizvolle Stimmung erzeugen.

K.K.: Liebe Frau van Bebber, herzlichen Dank für das interessante und aufschlussreiche Gespräch. Ich wünsche dem Buch – und Ihnen – viel Erfolg!

Quelle: Gemeindenachrichten. Amtsblatt der Gemeinden Bammental, Wiesenbach und Gaiberg, 30. Januar 2015, Nr. 5, S. 10-11.

Aljoscha van Bebbers Straßenkunst schmückt den Roman „Lieber nie als heute“

Wer sich auf den Weg macht und ein Auge für seine Kunst hat, findet ihn überall: an Laternenpfosten, am Gehweg, an Wänden… erfreuliche Überraschungen beim Gang durch Mannheim. Aljoscha van Bebber alias „Subjekt“ ist Straßenkünstler. Nach seinen Anfängen befragt, erzählt er in einem Interview (subculture, Ausgabe 10/2012, http://www.subculture.de):

„Zunächst war Graffiti eine meiner ersten künstlerischen Leidenschaften, aber schon bald reichte mir das nicht mehr und ich startete mit ein paar Freunden das Dekorieren von Partys und Festivals. Hierbei haben wir meist mit phosphoreszierenden Farben und Figuren gearbeitet. Daraufhin wurde ich recht schnell Mitglied im Arbeitskreis für Jugendkultur e.V., besser bekannt als „Harlequins Universe“ und der gleichnamigen Partyreihe. Den finalen Anstoß, mich mehr mit Streetart zu befassen, bekam ich durch meine Freunde, aber auch durch die Tatsache, dass meine Kunst sich stapelte und fast keiner sie zu Gesicht bekam.“

Aljoscha van Bebber lässt sich nur ungern festlegen und sucht immer nach neuen Ideen. Seine Kunst ist schrill – nicht nur in den Farben. Seit Kurzem verwendet er Stencils, die er mit unterschiedlichen Maltechniken aufwertet. Wichtig ist ihm, Neues aus Altem zu schaffen; Abfall und nicht mehr benötigte Alltagsgegenstände verwandelt er in Kunst: Er besprüht zerrissene Pappe, malt auf alte Holzbretter, Kacheln, Plattenhüllen, Pralinenschachteln… irgendetwas lässt sich immer finden.

Neben Beruf, Familie und seinen musikalischen Aktivitäten – am Computer produziert er elektronische Musik – bleibt ihm oft nicht genügend Zeit für seine Kunst. „Als Straßenkünstler wirst du nicht reich“, sagt er schulterzuckend. Dank seines wachen Geistes, seines unerschöpflichen Antriebs und den niemals enden wollenden Einfällen werden wir noch Einiges von ihm sehen.

Im Roman „Lieber nie als heute“ bearbeitete und verfremdete er eigene Fotografien – das Cover des Romans stammt ebenfalls von ihm.

Mehr zu sehen gibt es unter: https://www.facebook.com/Subjektkunst?fref=ts